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Nachhaltigkeitsbericht­erstattung in der Realität

Im Interview mit der DEKRA Certification GmbH

28.08.2025 7 Minuten

Zwischen Regulierung, Resignation und Resilienz

Nachhaltigkeit ist ein wenig zum Buzzword verkommen. Der anfängliche Schwung durch den Green Deal ist einer fast spürbaren Ermüdung gewichen – bei Unternehmen, bei Beratern, sogar bei politischen Akteuren. Dennoch: Wer heute aufhört zu berichten, riskiert morgen seine Wettbewerbs­fähigkeit.

Im Gespräch mit Amelie Schmidt, Produktmanagerin Validierung und Verifizierung von Treibhausgaserklärungen und Fachkoordinatorin für ISO 14067, und Annette Dési, Leiterin des Bereichs Nachhaltigkeit und Fachkoordinatorin für Compliance bei der DEKRA Certification GmbH, wird klar: Nachhaltigkeitsberichterstattung mag sich wandeln, aber sie bleibt ein strategisches Muss.

Expertinnen der DEKRA im Interview

Annette Dési

Leiterin des Bereichs Nachhaltigkeit und Fachkoordinatorin für Compliance bei der DEKRA Certification GmbH

Amelie Schmidt

Produktmanagerin Validierung / Verifizierung von Treibhausgaserklärungen, Fachkoordinatorin für ISO 14067 bei der DEKRA Certification GmbH

Müdigkeit trifft Realität – Warum jetzt (noch) über Nachhaltigkeitsberichterstattung sprechen?

Die große Aufbruchsstimmung ist verflogen. In vielen Organisationen herrscht Erschöpfung: zu viele Vorgaben, zu wenig Klarheit, kaum personelle Ressourcen. Gleichzeitig nehmen regulatorische Anforderungen weiter zu, und Stakeholder – von Investoren bis Kunden – erwarten valide Antworten auf Umwelt- und Sozialfragen.

„Viele Unternehmen glauben, sie könnten Nachhaltigkeit aussitzen – dabei ist sie längst ein strategisches Steuerungsinstrument geworden. Wer jetzt innehält, verliert den Anschluss – regulatorisch wie marktwirtschaftlich“, warnt Annette Dési. Der Schlüssel liege darin, Nachhaltigkeit nicht mehr nur als Compliance-Thema zu behandeln, sondern als integralen Bestandteil der Unternehmenssteuerung.

Der Omnibus-Schwenk – Was bedeutet der politische Kurswechsel für Unternehmen?

Mit dem Omnibus-Vorschlag hat die EU-Kommission die Berichtspflichten für kleine und mittlere Unternehmen (KMU) überarbeitet – ein Schritt, der für Entlastung sorgt, aber auch Verunsicherung mit sich bringt. Die ursprüngliche Stoßrichtung der CSRD – Transparenz und Vergleichbarkeit – gerät dadurch ins Wanken.

„Der Kurswechsel der EU ist ein zweischneidiges Schwert: auf der einen Seite notwendig, auf der anderen Seite eine vertane Chance für die gesellschaftliche Verankerung nachhaltigen Wirtschaftens“, so Annette Dési. Unternehmen sollten die Entbürokratisierung nicht als Rückzug verstehen, sondern als Aufforderung zur Eigenverantwortung. Denn Nachhaltigkeit bleibt – mit oder ohne Pflicht.

Rückschritt oder notwendige Entlastung? Was bedeutet die Lockerung der Anforderungen wirklich?

Der politische Kurswechsel in Brüssel – insbesondere die geplante Aussetzung der sektorspezifischen ESRS sowie die Entlastung für kleinere Unternehmen – wird von vielen als Rückschritt gewertet. Doch war er unvermeidbar?

„Aus wirtschaftlicher Sicht war der Schritt richtig – für viele kleine und mittlere Unternehmen war der Aufwand in dieser Tiefe schlicht nicht tragbar“, sagt Annette Dési. Dennoch stimme sie der Entwicklung nicht uneingeschränkt positiv gegenüber: „Mich stimmt das traurig. Denn das ursprüngliche Ziel – nämlich die Finanzströme gezielt in nachhaltige Aktivitäten zu lenken – wird dadurch deutlich schwerer erreichbar.“

Besonders problematisch sei, dass mit dem Rückbau auch einheitliche Bewertungsmaßstäbe verlorengehen. Ohne verbindliche Standards drohen mangelnde Vergleichbarkeit, Orientierungslosigkeit – und ein Wiederaufleben von Greenwashing-Praktiken. „Allein die EU-Taxonomie hätte ein System schaffen können, mit dem sich auf einen Blick erkennen lässt, wie nachhaltig ein Geschäftsmodell wirklich ist. Diese Chance wird nun geschwächt – und das in einer Zeit, in der wir dringend mehr Transparenz und weniger Ambiguität bräuchten.“

Der große Zielkonflikt: Wachstum vs. Suffizienz

Während viele Unternehmen ihre Klimabilanzen verbessern, bleibt ein zentrales Thema weitgehend tabu: der bewusste Verzicht auf übermäßigen Ressourcenverbrauch – also Suffizienz. Wachstum gilt weiterhin als oberste Maxime – und steht damit oft im Widerspruch zu nachhaltigem Ressourcenverbrauch.

„Wachstum, Wohlstand, Konsum – das sind die heiligen Kühe unserer Zeit. Doch ohne Suffizienzdebatte bleibt jede Nachhaltigkeitsregulierung kosmetisch“, sagt Annette Dési. Die politischen Instrumente reichen oft nicht aus, um echte Veränderung zu erzwingen – zu groß ist die Angst vor dem Verlust von Wettbewerbsfähigkeit oder Wählergunst. Doch nur wer die strukturellen Widersprüche benennt, kann wirksame Lösungen entwickeln.

Vertrauen ist gut – externe Überprüfung ist Pflicht

Mit der Zunahme klimabezogener Investitionen steigt auch die Gefahr von Greenwashing. Projekte, die mit großen Versprechen starten, scheitern oft an mangelnder Substanz – und beschädigen damit nicht nur das eigene Image, sondern das Vertrauen in Nachhaltigkeitsmärkte insgesamt.

„Die Validierung und Verifizierung von umweltbezogenen Aussagen sind heute kein Nice-to-have mehr – sie sind essenziell, um den schönen Worten auch belastbare Taten folgen zu lassen“, betont Amelie Schmidt. Besonders bei CO₂-Zertifikaten oder klimabezogenen Finanzprodukten wird eine externe Prüfung zum Gütesiegel – und schützt Unternehmen vor Reputations- wie Haftungsrisiken.

ISO-Normen und Industriestandards – Rückgrat statt Bürokratiemonster

Während gesetzliche Vorgaben oft schwanken, bieten ISO-Normen eine bewährte und stabile Orientierung. Sie helfen Unternehmen nicht nur dabei, Berichtspflichten strukturiert zu erfüllen, sondern sorgen auch für internationale Vergleichbarkeit und professionelle Prozesse.

„ISO-Normen sind mehr als technokratische Werkzeuge – sie bieten Unternehmen ein verlässliches Koordinatensystem in einem unübersichtlichen Nachhaltigkeitsdschungel“, so Amelie Schmidt. Besonders etablierte Normen wie ISO 14001 (Umweltmanagement) und ISO 50001 (Energiemanagement) bilden eine belastbare Basis, um ökologische Auswirkungen systematisch zu erfassen, Prozesse zu optimieren und fortlaufende Verbesserungen zu verankern.

Darüber hinaus machen Normen wie ISO 14067 (Product Carbon Footprint) oder ISO 14064-1 und -2 (Carbon Footprint auf Unternehmens- und Projektebene) Umweltwirkungen konkret messbar – und damit auch steuerbar. Die Harmonisierung mit EU-Standards wäre der nächste logische Schritt.

Gleichzeitig zeigen sich bewährte Systeme wie der Emissionshandel als zentrale Hebel für die notwendige Transformation. Auch wenn die darüber gesteuerten Preisimpulse zunächst als Belastung empfunden werden, setzen sie langfristig Anreize für ein schrittweises Umdenken – sowohl bei Unternehmen als auch in der Gesellschaft insgesamt.

Ausblick: Nachhaltigkeitsberichterstattung der Zukunft

Die Zukunft der Berichterstattung liegt nicht in mehr, sondern in besserer Information. Weniger Bürokratie darf nicht weniger Ambition bedeuten. Vielmehr braucht es eine strategische Verankerung in den Kernprozessen der Unternehmen – und einen klaren Blick auf internationale Standards.

„Wer Nachhaltigkeit nur als Reportingprojekt versteht, hat das Thema nicht verstanden. Es geht um Steuerung, Glaubwürdigkeit – und letztlich um Resilienz in einer instabilen Welt“, sagt Amelie Schmidt. Die Integration von Nachhaltigkeit ins Risikomanagement, in Investitionsentscheidungen und in die Lieferketten wird künftig darüber entscheiden, wie zukunftsfähig ein Unternehmen wirklich ist.

Gleichzeitig wächst der Handlungsdruck: Der Klimawandel ist nicht mehr abstrakt, sondern konkret erfahrbar – durch Extremwetter, unterbrochene Lieferketten oder steigende Versicherungsprämien. Nachhaltigkeitsberichterstattung ist damit nicht nur regulatorisch relevant – sie wird zum Frühwarnsystem in einer zunehmend fragilen Welt.

Doch so wichtig die Berichterstattung ist – sie darf nicht zum Selbstzweck verkommen. Transparenz ersetzt keine Taten. Berichte machen Fortschritte sichtbar, doch sie schaffen keine Emissionsminderung, keine Kreislaufprozesse, keine resilienten Lieferketten.

„Es reicht nicht, die richtigen Dinge zu berichten – sie müssen auch tatsächlich geschehen“, bringt es Annette Dési auf den Punkt. Nachhaltigkeit erfordert Umsetzung – konkret, messbar, wirksam. Nur so wird Berichterstattung vom bürokratischen Pflichtprogramm zum glaubwürdigen Spiegel verantwortungsvollen Handelns.

Und jetzt? Was Unternehmen jetzt beachten sollten – insbesondere KMU

Viel wurde gesagt, vieles kritisch beleuchtet – doch was bedeutet das für die Praxis?

Amelie Schmidt hierzu: 
„Kleine und mittlere Unternehmen sollten sich nicht entmutigen lassen – und vor allem nicht versuchen, alle Anforderungen gleichzeitig zu erfüllen. Entscheidend ist eine fundierte Priorisierung, ausgerichtet am eigenen Geschäftsmodell und an der strategischen Zielsetzung. Nachhaltigkeit muss nicht überfordernd sein – aber sie sollte mit Klarheit, Realismus und dem Blick für Relevanz angegangen werden. Wer systematisch beginnt, schafft eine tragfähige Basis für künftige Entwicklungen. 

Wichtig: Nicht jedes Unternehmen braucht dieselbe Lösung – entscheidend ist die Fokussierung auf das Wesentliche im jeweiligen Unternehmenskontext. ISO-Normen bieten eine belastbare Struktur, um Prozesse effizient zu gestalten und Risiken frühzeitig zu erkennen. Die unabhängige Prüfung stärkt zudem die Glaubwürdigkeit – und wird in Märkten, die zunehmend auf Vertrauen basieren, zum entscheidenden Wettbewerbsfaktor.”

Fazit

Trotz Ermüdung, trotz politischer Kurskorrekturen – Nachhaltigkeitsberichterstattung bleibt ein zentrales Element unternehmerischer Verantwortung und Wettbewerbsfähigkeit. Nicht als Selbstzweck, sondern als Navigationsinstrument in einer Welt im Wandel. Wer heute die richtigen Weichen stellt, bleibt morgen handlungsfähig – ökologisch, ökonomisch und sozial.

Nachhaltigkeitsberichterstattung ist wichtig – aber kein Ersatz für konsequentes Handeln. Denn der Planet braucht nicht nur gut strukturierte Reports, sondern vor allem mutige, wirksame Schritte: zur Emissionsminderung, Ressourcenschonung und sozialen Gerechtigkeit.

Berichterstattung zeigt den Weg – gegangen werden muss er in der Realität. Und zwar jetzt.

Über die DEKRA Certification GmbH

Die DEKRA Certification GmbH ist eine international tätige, unabhängige Konformitätsbewertungsstelle mit Akkreditierung durch die Deutsche Akkreditierungsstelle. Das Unternehmen verfügt über mehr als 120 Akkreditierungen für die Zertifizierung von Qualitätsmanagementsystemen, Gesundheits-, Sicherheits- und Umweltmanagementsystemen sowie Informationssicherheitsmanagementsystemen

Als akkreditierte Validierungs- und Verifizierungsstelle bietet das Unternehmen umfassende Dienstleistungen im Bereich der Treibhausgasberichterstattung und in Bezug auf Umweltaussagen an.

DEKRA Certification arbeitet mit rund 1.200 externen, branchenerfahrenen Auditoren und verfügt über ein weitreichendes Expertennetzwerk sowie Partner in mehr als 18 Ländern.

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